Etwas mehr Verständnis für Jadu.

Der Versuch einer kritischen Replik auf die Meinung der Interviewerin in “Warum diese Frau Nazi-Uniform trägt”.

Thembi Wolf auf bento im Interview mit der farbigen Popsängerin Jadu. Siehe hierzu für die Bezugnahme den Artikel auf bento:
https://www.bento.de/art/jadu-steht-auf-nazi-kram-findet-das-aber-nicht-politisch-ist-das-okay-a-f51fb7f8-fac4-4a62-a3d8-ce595046678e

In dem angeführten Artikel wird Jadu als oberflächliche mit Nazikrams spielende Pute sozial auf bento angeschwärzt. Dieses „Kunststückchen“ gelingt leider auf einer Plattform des Hamburger Spiegel Verlages für jüngere Leute.

Tembi Wolf gibt da, ernstgemeint, eine naives journalistisches Oberflächengespräch als Rezeption von Jadus Fetischisierung, ihren Paradoxien, ihrer subversiven Resignifikation und Pop-Inszenierung. Offensichtlich lebt Thembi Wolf, selbst farbig, trotz oder wegen ihrer hohen Frequenz an Stipendien unbeleckt von Kunsttheorien des 20. Jahrhunderts, Dada, Fluxus, sowie von einer guten Portion an Feminismus und Psychologie. Desweiteren scheint sie sich frei zu fühlen von einer Kenntnis Frantz Fanons oder auch Homi K. Bhabhas, (bspw. Die Verortung der Kultur, 2011, Stauffenburg Verlag Brigitte Narr GmbH).

Jedes Leben liegt in diesem Sinne immer schon außerhalb seiner selbst, und die „Enteignung“ durch Gewalt oder Entzug kann nur vor diesem Hintergrund verstanden werden. Nur weil wir schon Enteignete sind, können wir enteignet werden. Unsere Abhängigkeit voneinander begründet unsere Verwundbarkeit durch gesellschaftliche Formen des Entzuges.

(Judith Butler in Die Macht der Enteigneten, Seite 17, Judith Butler, Athena Athanasiou, diaphanes, 2013)

Hinter der Bewertung – kommt man denn in die Nähe einer Entscheidung in der Sache, nämlich möchte man der Künstlerin zunächst künstlerisch wenigstens in der Rezeption folgen oder nicht – lauert, wie sollte es anders sein, die Entzugsdrohung des Common Sense. Dies gilt, zugestanden, umso deutlicher auch für angehende Journalisten und ihre beruflichen Aussichten. Kunst zeigt sich da nicht immer taktvoll.
Anders ausgedrückt: Selbst der Behauptung der Vermachtung (M. Foucault) u n t e r l i e g t , wie der Geltung auch, gleich eine B e w e r t u n g.

Bewertung ist oft jedoch nicht vermeidbar und ihre Beleuchtung dann sehr wohl erhellend als Symptom oder Wegmarke, weil sie Zusammenhänge verschweigt, versteckt oder aufweist, wie das Spiel mit gesellschaftlichen Tabus oder die Kunst selbst es ebenfalls tut.

Bewertung, Spiel und Kunst sind gleichen Ursprungs und haben ähnliche Verhaltensweisen. Spiel und Kunst, solange sie frei und kritisch sind, spielen ja genau mit den Bewertungen. Sie führen sie uns oft krass vor Augen, um der Kunst oder des Spieles willen.

Die Bewertung hat regelmäßig den Gegenständen, die auf anderen liegen, ein gewisses Scharnier angeheftet, zum Anheben. Wüßte man denn es performativ zu benutzen, und drunter zu schauen. Ihren Wert, ihr Gewicht und ihren Winkel darf man beim Versuch aber nicht gänzlich außer Acht lassen, desweiteren nicht die einfache Mechanik des mit der Bewertung verbundenen Geistes und der in Stellung gebrachten Funktion.

Lässt man dieses aber alles ohne weiteres außer Acht, verflüchtigt sich der mögliche Mehrwert, ebenso auch das Spiel. Gleich wird damit dann der künstlerische Wert des Objekts vermeintlicher Begierde negiert und damit der behauptete Gegenstand des Interesses noch vor einer Interpretation aufgehoben. Oder das Spiel, bevor es überhaupt begonnen hat, wegen dem Einspruch in seine, hier Tabu brechenden Regeln, abgebrochen.

Journalistische Begierde (Neugier, Verstehen wollen) wird so dann ausschließlich geposed, um sie dann vor dem Fall einer echten Erregung oder des Ärgernisses zurückzuziehen. Sonst könnte sie doch der eigenen Komfortzone gefährlich werden. Genau diese Form dargestellten Scheins von Interesse geschieht in diesem Interview. Es kommt nicht einmal zu den richtigen Fragen.

Übrig bleibt nach dem Artikel makabrerweise, eine deutsche Schwarze will in deutscher Öffentlichkeit deutscher sein als die ebenfalls farbige Pop Sängerin Jadu und dazu die bessere Deutsche! Wofür dann dieses Interview!

Von beiden ist also am Ende die Journalistin die, die nur die allgemeine Moralperspektive und nicht Kunst, wie sie nun einmal ist, oder ihre Interviewpartnerin verstehen will und damit, letztendlich nur umso besser im fahlen Licht einer in Nazi Klamotten Verirrten, sich selbst, bzw. eine Allerweltsauffassung statt der Interviewten, bestehen lässt.

Das Interview wird ein kleines im Interview-Artikel verstecktes Denkmal der Journalistin von dem ethischen Gemüt der Journalistin.

Indes geht es nicht um die Rehabilitierung des menschlichen Subjekts im Sinne liberaler Toleranzvorstellungen oder um ein assimilierendes Einbeziehen vorgefertigter Identitäten; das politische Potential der Kritik, wenn es eine solches gibt, bestünde vielmehr darin, solche Normen zu unterwandern und das Menschsein für radikale Reartikulationen der Menschlichkeit zu öffnen.

(Athena Athanasiou in Die Macht der Enteigneten, Seite 55 – 56, Judith Butler, Athena Athanasiou, diaphanes, 2013)

Möglicherweise geht die Popkünstlerin Jadu als junge Frau genau diesen Weg, den Athena Athansiou im Zitat beschreibt.

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