Johann Michael Möller zum Buch von Adeida Assmann “Wiedererfindung der Nation”.

Johann Michael Möller zum Buch von Adeida Assmann “Wiedererfindung der Nation”.11.02.2021, 05.30 Uhr

https://www.nzz.ch/feuilleton/deutschland-braucht-dringend-eine-idee-von-sich-ld.1600621

Interessanter Kommentar. Das Buch habe ich noch nicht gelesen, muss man wohl aber gelesen haben.

Zitat:

Die Zweifel an der schönen, neuen und von allen historischen Schlacken befreiten Welt sind grösser geworden, die Verlustraten unübersehbar. Der Blick geht plötzlich wieder zurück, und er fällt nicht ganz grundlos auf die Nation und die Möglichkeit ihrer Wiedererfindung.

(…) Aleida Assmanns Urteil in dieser Sache fällt gnadenlos aus. Sie empfindet die Blindheit gegenüber dem Nationalen als intellektuelle Blamage. Anfang der achtziger Jahre habe man den Begriff der Nation endgültig «eingefroren», schreibt sie, und durch fortgesetztes Ignorieren in der wissenschaftlichen Forschung «erfolgreich abgeschafft». Das war ungefähr die Zeit, als das berühmte Dreigestirn der modernen Nationenforschung, Benedict Anderson, Eric Hobsbawm und Ernest Gellner, die Nation zum Konstrukt erklärte und ihre Tradition als erfunden, woraus jener akademische Gassenhauer geworden ist, den heute fast jeder ungeniert pfeift.

… Was Aleida Assmann für eine akademische Debatte hält, ist in Wahrheit eine politische. Die Ablehnung der Nation hat ihre eigene Geschichte. (…)

Das Jahr 1968 erlebte der Westen als Aufbruch; es wurde der demokratische Gründungsmythos der Westrepublik. Im Osten hingegen ist es als Jahr des Einmarschs der Sowjetunion in die Tschechoslowakei in Erinnerung geblieben. Die Niederlage der sozialistischen Idee war besiegelt. Das geteilte Erbe von 1968 wirkt nach.

Man wird den Stimmungsumschwung im Osten nicht allein aus materiellen Umständen heraus erklären können. Die Selbsterfindung der Ostdeutschen ist eine direkte Folge des Ausbleibens der Nation.(…)

Es geht um die liberale Idee dieser Nation, um ihre Wiederbegründung. Wenn heute von einer nationalen Kraftanstrengung die Rede ist, wäre es gut, wenn diese Hoffnung wenigstens durchschimmern würde.

Aleida Assmann: «Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen». Verlag C. H. Beck, München 2020. 334 S., Fr. 28.90.

 

 

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