Intersektionalität vor dem Hintergrund des parallel gedachten Endes der Geschichte

Zur schnelleren Vertiefung und zeitgeschichtlichen Einordnung des Begriffs “Intersektionalität” lohnt sich meiner Auffassung nach auch ein referenzieller Rekurs in das “unfertige” Essay von Àgnes Heller, Vom Ende der Geschichte – Die parallele Geschichte von Tragödie und Philosophie, 2020, Edition Konturen.

 

Zum Zusammenspiel von postmodernen Cyborg-Barden und Historikerinnen im Spiel “Fortschritt Freiheit” gibt es da folgende Fundstelle:

“Alle drei Bestandteile der Moderne sind in Europa geboren, nirgendwo sonst.  Aber die Moderne ist nicht mehr europäisch. So wie der Homo sapiens angeblich in Afrika geboren wurde und die Menschheit als solche nicht afrikanisch ist, so wie die Hochkultur in Asien geboren wurde und die Hochkultur nicht mehr asiatisch ist, wurde die Moderne in Europa geboren, aber sie ist inzwischen nicht mehr europäisch. Hegel konnte noch nicht sehen, wie schnell dies geschehen würde (er sah nur Amerika und Russland als zukünftige Mächte der Moderne). Es gibt nur noch wenige “Inseln” vormoderner Lebensformen in unserer Welt, die europäische Idee der “Universalisierung” wurde Wirklichkeit. Und wie bei allen transzendentalen Ideen ähnelt die empirische Welt, in der sie Fuß fassen, nicht sehr der Idee. Ideen werden nie verwirklicht, keine von ihnen wird es, aber sie verändern das empirische Leben.

Welche Art von Geschichte ist mit der Moderne zu Ende gegangen? Es war die europäische Geschichte des Fortschritts, die wie ein Vulkan in der Zeit der Renaissance ausbrach und bis zur Ankunft in der Moderne nie aufhörte. Die europäische Idee des Fortschritts und seine Geschichte, die große Erzählung, schloss die alten asiatischen Zivilisationen, die alten Griechen oder Römer ein, die natürlich selbst keine Ahnung hatten, dass sie Glieder in der Kette der fortschreitenden Entwicklung der Welt waren. Aber  sie wurden einbezogen, denn je mehr die Idee des Fortschritts akzeptiert wurde, desto tiefer wurde das Interesse der Europäer  an der Vergangenheit, an der immer entfernteren Vergangenheit. Die Vorliebe für das “Neue” und die Nostalgie für das “Alte” beschleunigten sich gleichzeitig.

Was Hegel nicht sehen konnte, wir aber schon, ist, dass die Verallgemeinerung der Moderne zur Schrumpfung Europas geführt hat. Vor hundert Jahren war Europa das dominierende Zentrum der Welt. Ein europäischer Krieg führte zu einem Weltkrieg. Man kann sich in der Gegenwart einen europäischen Krieg vorstellen, aber etwas scheint offensichtlich zu sein:  Er könnte nicht zu einem Weltkrieg führen – denn Europa wurde im Vergleich zu anderen Bereichen der Welt immer unbedeutender.

Hegel hate also im Wesentlichen recht. Die Moderne, wie sie sich in Europa entwickelt hat, ist das Ende der Geschichte, das heißt das Ende der Weltgeschichte, wie sie in Europa in den letzten 500 Jahren erfunden, formuliert und verwirklicht wurde.”

 

 

Post Author: Carsten Wettreck

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