Unsere Nachbarn in der Zeitkurve

Elise Sittenfeld
Nr. 33020 Julius Spengel Nr. 33300Herr Sontheim
Nr. 33040

 

http://www.brahms-institut.de/web/bihl_digital/fotobestand/z/z_0935.html

Suchte jemand – einigermaßen slow – die Würde eines autonomen Einzelnen in einer Gesellschaft, so könnte er sich hier stundenlang unter Einzelnen umschauen und ebensolche finden, die ihm die Möglichkeit hierzu während der Zeitreise einräumen. Die Bilder sind beredt. Die Kinder sind teils auch als Geschwisterpaar abgebildet.Oder mit der Mutter. Sie schauen in die Kamera oder auch nicht. Die Schrift der Zeit darf der Betrachter hier entziffern, wenn eine Person in verschiedenen Jahren fotografiert wurde. Die Bilder kommen dann gleich hintereinander und raffen die Zeit. Das Brahmsinstitut hat hier ein geniales Facebook geschaffen, wie ich es mir um Mitternacht wünsche.

Zu dem Fotobestand des Brahms Instituts und nicht nur zum Fotografischen lässt sich eine Passsage, heute früh bei Arnold Metzger gefunden, zitieren. Sie gibt einen Scheitelpunkt, den wir überschritten haben, wieder. Desweiteren erinnert sie an die verlorene Idee einer Würde, die sich nicht aus den Paragraphen des Inneren der Verwaltung der Institutionen herleitet:

Wenn es bei Leibnitz am Anfang dieses Prozesses noch hieß: >Eo magis est libertas quo magis ratione agitur<, so zeigt sich im Verlauf dieser Geschichte, daß das Subjekt, um dessen Freiheit von der Macht des Objekts willen der Prozeß der Arbeit an der Materie anhob, am Ende als leidende Stimme des unendlichen Ich im Massenmedium seiner Objektivierung verstummt.

Die Geschichte der Rationalisierung des durch die neuere Wissenschaft, die Technik und die Zentralisierung der Wirtschaft geformten Gesellschaftsapparates geht parallel mit der Geschichte dessen, was ich den Verfall des modernen Freiheitsbewusstseins nennen möchte oder auch die Geschichte des Leidens des Subjekts an dem, was es um der Verwirklichung seines innersten, mit dem Ewigen verbundenen Selbst willen angerichtet und geschaffen hat, die Geschichte des Leidens an seiner Objektivierung, die Geschichte menschlicher Selbstentfremdung – das große Thema, gewiß in je verschiedenen Ansätzen seit Marx und Kierkegaard bis zu dem Fragen Nietzsches nach dem Selbst des Menschen und den Reflexionen der neueren Existenzphilosophie.

Mit der Automation (genauer: der Totalautomation, die ja noch keineswegs erreicht ist, aber auf die, wie es offensichtlich ist, die wirtschaftende Gesellschaft zustrebt) stehen wir vor einem Novum: in der durch sie geprägten Phase der Kontrollidee kommt es dazu, dass der Prozess der Rationalisierung umschlägt. Im Zeitalter der Maschine vor der Automation war der Mensch zum Ergänzungsteil der Maschine degradiert worden. Er war seiner Würde als eines autonomen Einzelnen entkleidet worden.

(Automation und Autonomie, Seite 18 – 19, Arnold Metzger, Verlag Günther Neske, opuscula 17, Pfullingen, 1964)

 

 

 

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